Immer der Hur’n 41er!

Geschrieben von Armin Soyka am Freitag, 4 Dezember, 2009 um 16:52

verkehrsplanung2

In den letzten zwei Monaten bin ich hauptsächlich mit dem Rad in Wien unterwegs gewesen. Das klappt super. Ist schneller als Bim und Auto, gesund und macht (mir zumindest) Spaß. Ich will gar nicht lange über neu-entdeckte Seiten der Stadt oder ähnliches schreiben, sondern gleich auf den Punkt kommen. Dieser Post soll sich mit der Mobilität in dieser Stadt beschäftigen, besonderes Augenmerk möchte ich auf die “Jugend” legen. Das betrifft mich selbst am meisten.

Heute stauten sich einmal mehr 4 Straßenbahnen auf der Währingerstraße zwischen den Stationen Aumannplatz und Weinhaus. Warum? Einmal mehr ein Auto, dass im Weg parkte. 20 Minuten Verzögerung und eine Menge (zurecht) angefressener Fahrgäste. Auch in der nächsten Straßenbahnstation (Gersthof) war der Unmut groß. “Immer dieser Hur’n 41er. Ich bring ihn um.” hörte ich an der Ampel wartend eine junge Dame ins Telefon fluchen. Und da liegt das Problem. Der Unmut entläd sich – über das Ausmaß kann man diskutieren, aber ansich zurecht. An wem? Den Wiener Linien. Was können die dafür? Mein Gefühl sagt mir, dass es immer wieder die Autofahrer sind, die nicht parken können – und die Politiker, die nicht planen können. Ich wollte das nachprüfen, also habe ich soeben bei den Wiener Linien angerufen, um die Gründe für Verspätungen der Straßenbahnen herauszufinden. Der freundliche Herr stimmte mir zu und nannte vier Gründe:

  1. Erkrankte Fahrgäste
  2. Rücksichtslose Fahrgäste
  3. Technische Gebrechen
  4. Parkende Autos

Die Aufschlüsselung, was wie oft vorkommt, konnte er mir nicht verraten. Das seien betriebsinterne Daten. Ganz abgesehen davon, dass ich überzeugt bin, dass durch eine Offenlegung Klarheit geschaffen würde und Gennervte Fahrgäste endlich sehen könnte, wer die Verzögerungen eigentlich verursacht bin ich davon überzeugt, dass ich ein Recht darauf hätte diese Daten einzusehen. Um zu verstehen warum, muss ich einen kleinen Abstecher machen. Die Wiener Linien gehören zu 100 Prozent den Wiener Stadtwerken. Die Wiener Stadtwerke widerrum sind zu 100 Prozent Eigentum der Stadt Wien – also Eigentum der 1.693.024 Wienerinnen und Wiener. Ich finde, dass es eine Frechheit ist, dass mir diese Daten vorenthalten werden. Diese Daten werden erhoben und ohne Grund geheim gehalten.  Kein Wunder, dass so viele Demokratieverdrossen sind, denn das, was heute als Demokratie bezeichnet wird, verdient diesen Namen nicht. Transparenz ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für Demokratie. Einige Länder haben die Zeichen der Zeit erkannt. So steht beispielsweise in der Norwegischen Verfassung (Artikel 100):

„Jedermann hat einen Anspruch auf Zugang zu Dokumenten des Staates und der Kommunalverwaltung … Es liegt in der Verantwortung der staatlichen Stellen, die Voraussetzungen für einen offenen und informierten öffentlichen Diskurs zu schaffen.“

Ein Schlagwort, dass ich in dem Zusammenhang noch nennen möchte ist “open government“. Es basiert genau auf diesem Grundsatz, dass jeder Bürger ein Recht darauf hat jede Information seiner Regierung einzusehen. Präsident Obama hat mit data.gov ein Beispiel gesetzt, Australien und jetzt auch England ziehen nach (ausführlichere Erklärung auf netzpolitik.org). Die 7 Prinzipien des Open Government findet man auf k2020.at, ein Webprojekt von Georg Holzer, der etwas Transparenz in den BZÖ-Sumpf bringen möchte.

Aber zurück zum öffentlichen Verkehr. Die Öffis befördern jeden Tag in Wien etwa zwei Millionen Fahrgäste und stellen für Jugendliche das Hauptverkehrsmittel und die Möglichkeit herum zu kommen dar.

Alternativen gibt es keine. Spricht man mit 12 bis 25 jährigen sind die Argumente gegen das Rad vielfältig und durchaus begründet:

  • das erste Argument ist fast immer die Gefahr. Radeln ist mitunter lebensgefährlich! Darauf hat kaum einer Lust
  • als zweites hört man schnell von den Raddiebstählen. Jedes Jahr werden tausende Fahrräder geklaut. Ich hatte bisher Glück, viele andere nicht.
  • Lasten mit dem Fahrrad zu transportieren ist in Skandinavien zwar schon selbstverständlich, hier aber noch nicht.
  • Unbequem ist es auch.

Abgesehen von dem letzten Argument (das muss jeder für sich selbst wissen), ist es eine Frage der Politik, ob Wien Kopenhagen wird. Mehr Stellplätze (auch bewachte, wenn’s sein muss), mehr Radstraßen (viele Visionen hat da Christoph Chorherr) oder einfach eine Abwrackprämie für Räder – viel zu tun.

Aber bis es soweit ist, muss sich etwas bei den Öffis ändern. Für viele sind sie unerschwinglich (SchülerInnen trifft das nicht), langsam und zu spät und um 24h ist Schluss, dann Kurven noch ein paar Nightlines durch Wien, aber auch nicht überall. Es freut mich zum Beispiel sehr, dass die JVP auf den grünen Zug aufgesprungen ist und jetzt schon seit einigen Monaten die rund-um-die-uhr-ubahn fordert und damit vermutlich Erfolg haben wird. Hamburg schafft das schon seit 5 Jahren. Anstatt Löcher in Schulhöfe zu buddeln, wäre eine zukunftsweisende Politik angebracht. Wie werden wir die SUVs los? Zum Beispiel durch  45 Autos für jeden. Es geht nicht um’s “Gürtel enger schnallen” sondern um’s Hirn anschalten.

Ich weiß der Post ist etwas durcheinander. Ich hoffe trotzdem interessant.

Nachtrag (gerade entdeckt). 12 Forderungen für Wien:

  1. Runter mit den Preisen: 1 Euro den ganzen Tag
  2. Rauf mit der Qualität: Mehr Straßenbahnen, und neue Garnituren
  3. In höchstens 35 Minuten aus ganz Wien ins Stadtzentrum mit Öffis
  4. Halt nur an Haltestellen: Beschleunigung der Tram- und Buslinien durch uneingeschränkten Vorrang
  5. Schnellstraßenbahn in den Außenbezirken (zb Floridsdorf – Donaustadt)
  6. Schnelle Linien ins Umland nach Wolkersdorf, Schwechat und andere PendlerInnengemeinden
  7. U-Bahn rund um die Uhr
  8. Kürzere Intervalle, längere Betriebszeiten, weniger Störungen auf allen Linien
  9. Mehr Komfort beim öffentlichen Verkehr – Umstellung auf Niederflurs (ULF)
  10. Sitzplätze für alle
  11. Wartehäuschen und Fahrgastinformationen bei allen Stationen.
  12. Kombi-Karte für Großveranstaltungen

Hinterlass doch einen Kommentar: