Ihr daoben, Wacht auf!

Geschrieben von Armin Soyka am Mittwoch, 9 Dezember, 2009 um 15:36

GeographieHeute ein weiterer Lichtblick. Ab und zu schaue ich in den ersten Klassen vorbei, weil ich es wichtig finde, dass die sich wohl fühlen. Da erzählt mir eine Zwölfjährige, dass sie nach Buenos Aires übersiedelt, weil ihre Mutter dort einen Job gefunden hat. Und bevor ich noch beginnen kann, Fragen zu stellen, schreit eine Mitschülerin auf: »Ist das in Albanien?« Und die Schnatterei beginnt. »Nein, das ist in Argentinien.« »Woher soll ich das denn wissen?« »Wo liegt Argentinien?« Die Spannung ist da. Die Frage. Die Begeisterung. Die Wissbegierde. Diese Momente entstehen. Je jünger, desto öfter. Diese Momente brauchen Lenkung. Einen Impuls. Nicht die Antwort, eine Idee, eine Anregung. Ich springe auf den Tisch und deute auf den Atlas »Na wo ist Argentinien?« Ich spreche sie mit Namen an. Ich kenne die Meisten mittlerweile. Sie mögen mich und ich mag sie. Die Begeisterung besteht weiter. Die Frage auch. »Ich weiß nicht.« Lenkung nicht Antwort. »Na probier’s einfach« sag ich. »Ist das neben Afghanistan?« »Nein« sage ich und deute auf das Land, das nicht weiter von Argentienien weg sein könnte. Try and Error. So lernt sich’s am schnellsten und am lustigsten. Einfach frei heraus. Es geht nicht um’s (ver)urteilen. Sondern um den gemeinsamen Spaß am Lernen. Weil das ist es, was Sinn macht. Nur wer gerne lernt, merkt’s sich auch. Nur wer gerne lernt, kann Gelerntes in kreativen Prozessen wiederverwenden. Wir nähern uns. »Nein, das ist Afrika« Wir finden gemeinsam Argentinien und Albanien. Letzteres liegt in Europa. Und ist sehr klein. Ich könnte jetzt weiterschreiben über die Fünftklässler, mit denen ich kurze Zeit später (den Rest der 10-Minuten Pause) über Politik, Parteien und Homosexualität spreche. Aber es geht nicht um die Quantität. Es geht um Beispiele. Konkret erlebbare. Das ist nur eines davon.

Junge Menschen, egal ob zwei, zwölf oder 22 sind empfänglich für interessante Dinge. Egal ob wie hier beschrieben für gelebte (!) Geographie, politische Protestbewegungen, Homosexualität, Sprachen und so weiter. Das Wie ist entscheidend liebe Lehrer, die ihr meint ihr sollt uns etwas vortragen, ihr stündet über uns. Das Wie ist entscheidend liebe Eltern, die ihr denkt, gute Noten wären wertvoll. Und auch ihr liebe Politiker, die ihr verantwortlich seid für die Lehrerausbildung, auch für euch gilt: Es geht um das Wie, nicht um das was.

Ja, wir wissen schon, dass Bildung euch nicht wichtig ist, sonst tätet ihr was bei 6 Wochen andauernden Protesten. Ja, wir wissen schon, dass wir euch nicht wichtig sind, das spüren wir tagtäglich. Aber dann denkt doch wenigstens in eurer Welt!? Was ihr auf uns los lasst, ist zum Teil eine Frechheit. Ihr schießt euch selbst ins Bein. Müssen wir euch tatsächlich erklären, dass wir es sein werden, die eure Pensionen zahlen – oder eben nicht?

Ihr daoben, Wacht auf!

Photocredits: Alber-Einstein-Gymnasium Ravensburg

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