Erster Rückblick. Medienkongress 2009
Erwartet hatte ich nicht besonders viel. Ist ja auch gut so, dann wird man nicht enttäuscht. Erhofft habe ich mir vieles. Besonders meine Fragen Europa und die europäische Union betreffend (Souveränität, Demokratie, Gewaltentrennung, Partizipation, Außen- und Sicherheitspolitik, Sozialpolitik und Mitgliedsstaaten) anbringen zu können. Außerdem wollte ich viele neue spannende Persönlichkeiten kennenlernen.
Jetzt bin ich nach 3 wirklich intensiven Tagen wieder zuhause in Wien (der Kongress fand in Linz statt) und wenn ich zurückblicke, dann kann ich nur staunen, wieviel wichtige und spannende Momente man in drei Tagen durchleben kann.
Ich habe wahnsinnig viele neue junge Menschen kennen gelernt. Aber diese Menschen waren nicht nur jung. Sie waren interessiert, aufgeweckt, kritisch. Sie haben Fragen gestellt und mit Freude, Leidenschaft und Überzeugung diskutiert. Sie haben (großteils) aufmerksam zugehört und mit Freude gelernt. Sie haben nachgedacht. Sie haben sich eingebracht. Sie haben Ziele vor Augen und Vision im Kopf. Es war überwältigend! Neben meinem großartigen Workshop “Rhetorik und sprechen hinterm Mikro” habe ich vor allem diskutiert. Aber nicht alleine. Sondern mit vielen. Und mit vielen Verschiedenen. Von Themen wie Klimagerechtigkeit, Suchtmittel, Rassismus in Österreich (gegen dunkelhäutige Menschen afrikanischer Herkunft) aber auch Rassismus in beispielsweise Somalia gegen Weiße, zur Europäischen Union, Verantwortung für rhetorische Macht bis hin zur großen Frage des alternativen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zum heutigen ausbeuterischen Kapitalismus.
Besonders die letzte Frage wurde mit viel Leidenschaft von so vielen Jugendlichen ganz verschiedener sozialer, ethnischer und politischer Herkunft diskutiert. Egal ob grüner, blauer, schwarzer oder roter Herkunft. Egal ob über jvp, aks, sj, su oder revo organisiert. Egal ob 15, 16, 19 oder 23 Jahre alt. Egal ob Liberalist, Trotzkist, von sozioökologischen Marktwirtschaft überzeugt, vollkommen unsicher, aber kritisch oder ganz ausgefallene Ideen wie die europäische Trechnokratie. Hier wurde stundenlang (sic!) über Alternativen nachgedacht, ewig überlegt, Argumente abgewogen. Von Politikstereotypen war hier keine Spur. Einander zu respektieren war selbstverständlich, sich zuzuhören ebenfalls. Es ging um Ideen, nicht um Aussagen und woher sie kamen. Sehr eingehend wurde die Frage nach Verteilungsegrechtigkeit und sozialer Sicherheit diskutiert. Dass es eine Umverteilung braucht, sodass zumindest alle auf einem gewissen Mindeststandard leben können, war durch die Bank gemeinschaftlicher Konsens.
Aber nicht nur das Thema der Gesellschaft wurde überdurchschnittlich intensiv diskutiert. Auch Überlegungen bezüglich Integration und Interkulturalität wurden angestellt und von Erfahrungen berichtet. Eine 15 jährige Somali berichtet über rassisitsche (sehr unschöne und unangenehme Alltagserfahrungen), ein Mädel türkischer Herkunft weist darauf hin, dass sie meint, das Magistrat würde die Gemeindebauwohnungen absichtlich so vergeben, dass Migrantenfamilien unter sich blieben. Auch hat sie das Gefühl, dass Türkisch als “böse Sprache” gesehen wird. Im Vergleich zu Englisch. Ein anderer Junge berichtet von einer Studie, bei der bewiesen wurden, dass Menschen mit islamisch-wirkendem Namen bei einer absolut identen Bewerbung halb so oft zu Bewerbungsgesprächen eingeladen werden wie ein Hannes Maier, Menschen mit afrikanisch-wirkendem Namen gar nur ein drittel so oft.
Auch Bildung wird eingehend diskutiert. Schulen müssen ausgebaut werden. SchülerInnen brauchen mehr Mitbestimmungsrechte und der Job als ProfessorIn muss dringend aufgewertet werden. Pädagogik und Didaktik sollten der entscheidende Schwerpunkt in der LehrerInnenausbildung sein. Bei einer abschließenden Dankrede durch einen Teilnehmer, wird darum gebeten, dass die Work-Shop-TrainerInnen doch einmal in die Schule kommen sollten, nicht um ihre tollen Workshops zu halten sondern den Lehrern das Unterrichten beizubringen. Hier wurde mit hochmotivierten Teilnehmern gearbeitet. Die waren das aber nur aus zwei Gründen. Es gab kompetente und vor allem hochmotivierte Vortragende und TrainerInnen. Andererseits aber gab es den Raum sich als Gruppe zusammen zu finden, gruppendynamische Vorgänge ablaufen zu lassen und zusammen auch eine rießen Hetz zu haben. Es lag an der Form des Kongresses. 24h together. learning by doing. Da waren keine 120 (Schätzung!) politische Vollprofis. Da wusste nicht jeder was über Medien, Demokratie oder Politik. Aber die Stimmung war so elektrisiert, dass jeder etwas wissen wollte. Das Wochenende hat mich in der Überzeugung bestärkt, dass wir mehr, viel mehr Projekteorientiertes Arbeiten an Schulen brauchen. Was will man in 50 Minuten hier, und 50 Minuten da wirklich weiterbringen. Wir müssen stunden-, wenn nicht tage- oder wochenweise geblockt, mit motivierten, engagierten und begeisterten LehrerInnen zusammen arbeiten. Dass Jugend mehr drauf hat als Nintendo spielen, saufen oder shoppen gehen, was alles für sich eine gewisse Daseinsberechtigung hat, hat sich an diesem Wochenende einmal mehr gezeigt. Wir können großartiges lernen, leisten, schaffen, überlegen und weiterbringen. Wir sind im Kommen!
Auch über die europäische Union wurde viel gesprochen. Schließlich wurde das Event von der Jef organisiert. Jef steht für Junge Europäische Föderalisten. Soweit ich mitbekommen habe, steht die Jef für einen klar proeuropäischen, aber auch klar überparteilichen Diskurs unter Jugendlichen. Sie wollen thematisieren und diskutieren, was passieren muss, damit wir, als Bürger, in einem staatenübergrenzenden Bundeststaat (Vereinigten Staaten von Europa) leben wollen und was wir dafür können. In einigen Diskussionen konnte ich meine Ideen und Ansichten zu dem Thema einbringen. Unter anderem konnten wir mit BM a. D. Friedhelm Frischenschlager, er ist Bundesvorsitzender der Union Europäischer Föderalisten. Wir haben in der Diskussion wahnsinnig viele wichtige Themen angeschnitten. Von Landwirtschaftspolitik über den Zusammenhang zwischen Demokratie, Medien und Europa, über den Vertrag von Lissabon und die damit verbundene gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, bis hin zu Demokratisierung der EU, Probleme mit der Gewaltentrennung und Abgabe von nationaler Souveränität. Seine Thesen und Ansichten waren sehr schlüssig, spannend und lehrreich. Aber wir haben es ihm nicht leicht gemacht. Fragen über genmanipulierte Nahrungsmittel, bezüglich möglicher Raubzüge der EU um Rohstoffquellen zu sichern oder die europäische und globale Regelung der Spekulanzmärkte musste er über sich ergehen lassen. Und das ein oder andere Mal kam er an die Grenzen der Begründbarkeit. Gut so. Wenn Jung Alt zur Weißglut treibt, dann muss Alt nachdenken! Überrascht (positiv) hat mich, dass er ganz klar für eine genau regulierte Marktwirtschaft war, die strengen ökologischen und sozialen Regeln unterliegt. Keine Spur von der erwarteten (er hat das Liberale Forum, LiF mitbegründet) liberalen Schwafelei vonwegen alles regelt sich selbst und Regeln beschränken die Freiheit.
Eigentlich wollte ich ja nur kurz sagen, dass es mir super gefallen hat, ich begeistert bin von der überschäumenden Ideenvielfalt, Motivation und Innovationskraft dieser, meiner Generation und ich hoffe, dass diesem Medienkongress noch viele weitere Wochenden, Tagungen und Veranstaltungen dieser Art folgen werden. Aber ich konnte einfach nicht aufhören. Und ich habe noch nicht einmal ein drittel der überwältigenden Erfahrungen, die ich an diesen drei Tagen gemacht habe, niedergeschrieben. Das wird noch kommen.
Abschließen möchte ich mit Anregungen. Zuerst generelles und dann spezifisch zu diesem Kongress.
- Wir brauchen mehr Orte an denen Jugendliche ihre Kraft, Kreativität und Genialität erfahren können.
- Schule ist kein solcher Ort. Schule ist langweilig, voller Frust, unter- oder überfordernd.
- Solche Ereignisse können eine (von vielen!) Chancen darstellen, dass junge Menschen sich vernetzen und aus ihrem Freundes-, Kultur- und Bildungskreis herauskommen.
- Von und für SchülerInnen organisierte BarCamps wären eine weitere solche Chance!
- Dass das Bildungsministerium und die Europäische Union solche Events bezahlt ist richtig und wichtig. Das ist bestens investiertes Kapital!
- Der nächste Kongress sollte fünf Tage lang dauern (Mittwoch bis Sonntag). Inhalt, Motivation und Bedürfnis sind ausreichend gegeben.
- Auf Hotels für 85 Euro die Nacht könnte man ruhig verzichten. Eine Jugendherberge mit 6er-Zimmern täte es auch. Kommt günstiger und ist dem Gemeinschaftgefühl zuträglicher.
- Auf der Webseite sollten Vor- und Nachbesprechungsmöglichkeiten, sowie Vernetzungsangebote geben werden. Ich möchte die Menschen wiederfinden, die ich kennen und schätzen gelernt habe.
- Mit dem gesparten Geld könnte man sich ein ordentliches Frühstück leisten!
Soweit meine Eindrücke im ersten Rückblick. More soon?
Bleibt mir nur noch einen riesen Dank zu schicken: An David, das gesamte Organisationsteam, die TrainerInnen und alle, die mitgefahren sind. Dieses Wochenende werde ich so schnell nicht vergessen! Wenn du mit warst und dich diesem Dank anschließen möchtest, schick ein SMS an die, denen du danken willst, schreib eine email, poste was auf die Facebookpinnwand oder ruf jemanden an. Wertschätzung, Anerkennung und Dankbarkeit ist die einzige wertvolle Bezahlung für so eine Arbeit.
Sag danke, wenn du’s meinst!

Finds cool, dass du so viel und gut schreibst .. auch deine Ideen und Wünsche spielgen auch meine Meinung wieder :)
Fand den Kongress auch extrem cool. Auf der einenseite war meine workshopgruppe (Layout) extrem motiviert und hat hoffentlich auch vieles mitgenommen, andererseits habe ich viele wirklich spannende Diskussionen wärend den essenspausen und in der Nacht geführt.
Freu mich schon auf’s nächste mal!
Lg.
also dann, DANKE ans ganze kongressteam!
die begeisterung, die ich auch verspuert habe, ist hier sehr schoen zum ausdruck gebracht. habe die ehre gehabt, eine ganze menge kluge koepfe kennenzulernen. wurde am kongress auf genau richtige weise gefordert, anders als in der schule, wie du sehr richtig schreibst.
ein kritikpunkt allerdings: ist cool, dass du kommentare von einzelnen hineinschreibst, aber ich moechte, wenn nur irgend moeglich, als teilnehmerin, nicht als teilnehmer erwaehnt werden :)
stimmt, ich achte ansich relativ genau auf eine womöglich generneutrale und sonst genergerechte sprache. manchmal vergesse ich’s. und manchmal ist es mir auch einfach zu blöd. schön, dass wir uns aber eh so einig sind. wann immer möglich bist du teilnehmerin und die restlichen 5 oder 10 prozent teilnehmer. deal?
also dann, DANKE ans ganze kongressteam!
die begeisterung, die ich auch verspuert habe, ist hier sehr schoen zum ausdruck gebracht. habe die ehre gehabt, eine ganze menge kluge koepfe kennenzulernen. wurde am kongress auf genau richtige weise gefordert, anders als in der schule, wie du sehr richtig schreibst.
ein kritikpunkt allerdings: ist cool, dass du kommentare von einzelnen hineinschreibst, aber ich moechte, wenn nur irgend moeglich, als teilnehmerin, nicht als teilnehmer erwaehnt werden :)
lg
Zu deinem Blog kann ich nur eins sagen: WOW
Ich bin wirklich begeistert und zwar nicht nur worüber du schreibst, sondern vor allem auch wie du es schreibst. Es gibt nicht viele die so offen ihre Meinung posten und dann auch noch auf Kritik warten.
Ich möchte auch allen für diese genialen Kongresstage danken und kann dir nur Recht geben, dass es nicht an Interesse gefehlt hat. Multikultureller Austausch, politische Diskussionen und spannende Gespräche standen genauso auf der Tagesordnung wie unsere Workshops. Der Medienkongress hat weit mehr bewirkt als nur das Wissen über Medien und Demokratie in der EU zu erweitern. Wir haben gelernt, geredet und gefordert mit Toleranz, Engagement und Überzeugung(idealistische Werte oder tatsächliche Lebenspraxis).
lg
Ja, das kann ich so teilen. Danke für dein Lob. Wenn es dir gefällt, lies und folge dem Blog weiter, teile den Link auf deinem Facebookprofil und diskutier hier mit! =)
Hallo Armin,
danke für diesen Artikel! Wir haben uns schon – auch aufgrund der tollen und umfassenden Rückmeldungen – Gedanken über die Zukunft des Medienkongresses gemacht. Derzeit werten wir gerade die Rückmeldungen und Feedbackbögen aus.
Aber ganz ehrlich: Trotz der vielen (ehrenamtlichen) Arbeit rund um die Organisation hat es auch uns allen SEHR VIEL Spaß gemacht!! Und das liegt genau an jenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die du in deinem Text beschreibst: sehr motiviert, sehr interessiert.
Ich würde mir wünschen dass der Medienkongress noch lange nicht vergessen ist (zumindest digital dürfte er noch etwas überleben ;-)) und im nächsten Jahr vielleicht auch gerade jemand von euch in der Organisation und Planung mitarbeitet.
Vielleicht bis bald…
lg.
David.
PS: Das Hotel hat nicht 85 Euro gekostet ;-) Und: Ich brauch jedenfalls Kaffee in der Früh, das hat mir auch extrem gefehlt…