Eine echte Schweinerei – der ideelle Teil (1/2)

Geschrieben von Armin Soyka am Mittwoch, 19 August, 2009 um 15:24

In fremden Ländern, an fernen Orten, da sieht man neue Dinge, so geschehen heute. Zur Zeit befinde ich mich auf Sommerurlaub in Kappeln, darüber habe ich ja schon im letzten Blogbeitrag berichtet. Heute habe ich die Welt aus einer anderen Sichtweise kennengelernt. Aus der eines Landwirtes. 70 Hektar Land und 1400 Schweine – viele Probleme und vor allem so ganz andere. Gefreut habe ich mich heute besonders über neue Informationen bzgl. Tierhaltung, im speziellen Schweinemast, die mir geholfen haben, meine Befürchtungen, die ich in dem Blogbeitrag “It hurts” schon kurz dargestellt hatte, überarbeiten/revidieren/berichtigen zu könnten. Hier möchte ich das, was ich am interessantesten fand, kurz niederschreiben und auch meine alten Vorstellungen meinen Neugewonnenen gegenüberstellen.

Das Nahrung / Fleischverhältnis ist nicht wie ich bisher dachte 7 (kg Futter) zu 1 (kg (Schweine-)Fleisch) sondern 3:1. Außerdem wird nur minderwertiges Getreide verfüttert, niemals die Qualität, die wir im Brot kaufen oder in Kuchen kippen. Die Nahrung besteht auch keineswegs aus lauter Medikamenten, sondern setzt sich aus qualitativ niedrigem Roggen und Weizen, Mineralstoffen (Vitamin E und A) und Wasser zusammen. Die Tiere werden nicht in Einzelboxen gemästet, sondern in “Großabteilen” zu etwa 100 Tieren. Auf jedes Tier kommen 0,8 m². Auf meine Frage hin erfuhr ich, dass Einzelmästung per Tierschutzgesetz verboten sei (in Deutschland und fast überall in Europa). Nach meiner Einschätzung sahen die Tiere glücklich aus, auch wenn sie niemals mehr als einen Hauch von Tageslicht, Gras oder den Himmel sehen werden. Sie spielten vergnüglich miteinander, ein paar rauften auch und natürlich fraßen sie. Das ist ja auch der Grund ihrer Existenz, damit wir dann ein gutes Kotelett oder eine Leberwurst oder einen BigMac verdrücken können.

Der Landwirt, bei dem ich war, hält 14000 Schweine. Kaufen tut er sie im Alter von gut 50 Tagen von einem anderen Hof, der sich auf die Aufzucht von Schweinen spezialisiert hat(Arbeitsteilung). Zu diesem Zeitpunkt sind sie 30 kg schwer. Dann essen und wachsen sie 105 Tage bis sie 116 Kilo wiegen. Danach werden sie an den Schlachter verkauft und zu Wurst, Schnitzel oder Burger verarbeitet. Länger werden sie nicht mehr gemästet, weil sie nach diesen 155 Tagen und 116 kg beinahe ausschließlich Fett ansammeln – und in einer Zeit der Diäten steht weder Schmalz noch Schnitzel mit hohem Fettanteil hoch im Kurs. Die Tiere nehmen pro Tag in etwa einen Kilo zu und pro Jahr “wachsen” auf dem Hof [ 1400 (Kapazität) * 105 (Tage) * 0,9 (Gewichtszunahme/Tag) * 3 (Durchgänge pro Jahr) ] – [ 1400 (Kapazität) * 3 (Durchgänge) * 30 (Anfangsgewicht) ] = 207900 kg (also eine gute fünftel Tonne) Schweinefleisch. Würde die Verwertungsindustrie alles in Menschenfutter verwandeln (was sie nicht kann, der Rest wird sehr gründlich anders verwendet: Tierfutter, Knochenmehl, Seifen usw.), würde das für 200.000 (Schweinefleischmenge) / 100 (Durchschnittlich verzehrte Fleischmenge eines Österreichers pro Jahr) = 2′000 Österreicher reichen.

Das zeigt, wie wenige Menschen viel Verantwortung für unsere Nahrung, die wir täglich konsumieren, tragen (er bewirtschaftet diese Schweine alleine). Außerdem spannend ist, sich klarzumachen, wieviel Nahrung diese Tiere brauchen um zu wachsen. Jede Woche fährt ein LKW vor und füllt 20 Tonnen Getreide in die Nahrungssilos. (1400 (Tiere) * 0,9 (Fleischgewichtszunahme) * 3 (Nahrungskonstante) * 7 (Tage) wären 26 Tonnen, er meinte 20) Die Tiere sind in Abteilungen zu je 100 untergebracht und von denen gibt es dann wohl 14 Stück (ich habe nur zwei gesehen). Die Schweine haben keine Ringelschwänze, die werden nach der Geburt relativ bald abgezwickt und laut meinem Gesrpächspartner tut ihnen das auch nicht wirklich weh. Da habe ich aber leider schon andere Videos von quietschenden Ferkeln gesehen, die keineswegs so aussahen, als quikten sie aus Begeisterung oder Freude, sondern Schmerz und Todesangst. Bei Gelegenheit werde ich eine Tierärztin zu dem Thema befragen. Auch ihre Zähne sind abgezwickt damit sie sich nicht gegenseitig beißen / anknabbern.
Die Tiere machten einen sehr “humanen” Eindruck. Sie waren halbwegs sauber, in dem Stall stank es trotz 200 Schweinen nicht (obwohl nur bei “Besatzungswechseln” alle 105 Tage, also 3 Mal im Jahr gesäubert und desinfiziert wird) und wie ich schon sagte, die Tiere schienen ganz zufrieden mit ihrem Leben zu sein.

Der bisher beschriebene Eindruck hat mir besonders geholfen das Thema Fleischkonsum / Tierschutz aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Ich habe ja schon einmal gebloggt über dieses Thema. Vor zirka zwei Monaten verfasste ich den Blogbeitrag “It Hurts”. Damals hatte ich gerade 30 qualvolle Minuten eines Greenpeacevideos über Tierquälerei überstanden. Ich war damals zutiefst aufgewühlt und schrieb – und das spiegelt auch meine heutige Meinung wieder:

“For me, and my life, I have decided not to ignore things that hurt me or others , I want to listen closly.  So now it is up to me to take action. Now knowing about all these aweful things,  I will adopt and change my behavior towards these animals. I’m not sure what action this will be,  I have to think about it!”

Ich habe natürlich nie wieder darüber gebloggt. Sowohl mein Verhalten als auch meine Einstellung haben sich seitdem aber geändert. Ich esse weniger Fleisch und ich achte mehr darauf was ich kaufe. Aber zurück zum Thema. Damals hatte ich ein sehr schwarzes Bild von Fleischproduktion und dem Umgang mit Tieren gesehen. Heute sicherlich ein sehr Helles. Der Bauer schien ein liebevoller, netter Kerl zu sein, der sich sorgsam um seine “Kleinen” kümmert. Es gibt sicher beide Extreme, das meiste wird aber ein graues Mittelding zwischen heutiger Erfahrung und damaligem Video sein, das ist mir jetzt bewusster geworden. Vor allem deswegen war die heutige Erfahrung so wertvoll für mich – sie hat mein schwarzes Bild aufgehellt und in die gesunde Mitte gezogen.

3 Kommentare zu dem Artikel “Eine echte Schweinerei – der ideelle Teil (1/2)”

  1. Es kommt halt darauf an wer das Fleisch wie produziert! Wenn es so ist wie du es gerade beschrieben hast ist es auch für mich okay. Es gilt die “schwarzen Schäfe” zu identifizieren und zu bekämpfen, welche durch Profitgier Methoden entwicklen, um weniger Aufwand oder mehr Ertrag aus der Schweine/Rind/… – Zucht zu haben.

    DIe Macht liegt letztendlich wieder beim Konsumenten. Der entscheidet welches Produkt er aus welchem Grund kauft.

    Kannst du nicht ein Video von dem Bauern und seinem Hof machen? So als gutes Beispiel. Oder ein paar Fotos machen?

    • ich habe meine kamera kaputt gemacht (sand in der linse) deswegen keine bilder, komme dort wohl nicht mehr vorbei. von dem alten holzglockentrum hab ich aber bilder, die muss ich nur mehr uploaden! ja, die frage ist wie diese bekämpfung aussehen kann. zuviel bürokratie (kontrollen) schadet am ende dem steuerzahler und den fleißigen. schwer eine lösung zu finden….

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